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Kunst am Schacht

17. September 2018

Vor 40 Jahren wurde im Martin-Hoop-Schacht IV a letztmalig Steinkohle gefördert. Seitdem erinnert der Turm in der Pöhlauer Landschaft an die frühere Bedeutung dieses Industriezweiges für die hiesige Region. Jetzt wurde aus dem stillgelegten Stahlbeton-Riesen ein Kunstwerk.

Der Landkreis Zwickau und die Firma MSB Metall- und Stahlsystembau GmbH, Eigentümerin des Turms, suchten weit über die deutschen Grenzen hinaus nach einem Künstler, der dem 54 Jahre alten Bauwerk ein neues Gesicht verleiht. Nach einem monatelangen Prozess wurden sie, unterstützt durch eine regionale Jury, fündig – in Leipzig!

 

Im Osten der Stadt Zwickau erheben sich die Reste des ehemaligen Steinkohlewerkes Martin Hoop. Jahrzehntelang wurde hier Kohle gefördert, bis 1978 mit dem Schacht IV a der letzte Förderturm stillgelegt wurde. Seither wird das Gelände als Industrie- und Gewerbegebiet nachgenutzt.

Vor rund einem Jahr wurde im Rahmen des EU-Projektes InduCult2.0 die Idee geboren, die Südwest-Fassade des Turms zu gestalten. Eine regional besetzte Jury wählte den besten Entwurf aus. Nachdem die gebäudeseitigen Vorbereitungen, das Reinigen und Ausbessern der Wand, weitgehend erledigt waren, wurde ab dem 3. September 2018 die Gestaltung am Turm umgesetzt.

 

Das Objekt

Die Geschichte des Bergbaus am Standort des Förderturms begann mit der Gründung der Steinkohlenzeche Morgenstern ab 1920. Über Jahrzehnte des Wachstums und nach zahlreichen Eigentumswechseln entstand daraus ein Betrieb mit mehreren tausend Mitarbeitern, der den Zwickauern unter dem Namen Steinkohlenwerk „Martin Hoop“ bekannt ist. Als letzte große Baumaßnahme wurde hier zwischen 1959 und 1964 der Schacht IV a bis in über eintausend Meter Tiefe abgeteuft, um Steinkohle, u. a. für die Wärme- und Energieversorgung der Region zu fördern. Mit seinen beeindruckenden 60 Metern ist der dazugehörige Förderturm das höchste Industriebauwerk im Raum Zwickau und auch im Umland weithin sichtbar. 1978 endete die Ära der Steinkohle, 1983 hatte auch der Stahlbeton-Koloss ausgedient und wurde stillgelegt.

Heute ist das Areal rund um den Turm Industrie- und Gewerbegebiet. Die Firma MSB Metall- und Stahlsystembau GmbH hat auf dem Gelände ihren Geschäftssitz und stellt dort hauptsächlich Balkone für Neubau und Sanierung sowie Toranlagen her.

 

InduCult2.0

Im Juni 2016 startete der Landkreis Zwickau das EU-Projekt InduCult2.0 unter dem Motto „Lebendige Industriekultur abseits der Metropolen“. Bis 2019 arbeiten dabei zehn mitteleuropäische Partner gemeinsam daran, Industriekultur gezielt als regionales Identitätsprofil zu begründen. So wollen sie das Konzept „Lebendige Industriekultur" in Mitteleuropa etablieren, die spezifische Kultur in Industrieregionen stärken und ihren Pioniergeist wiederbeleben. Dafür testen sie, wie innovative Ansätze, industrielle Vergangenheit (Museen), Gegenwart (Unternehmen) und Zukunft (Schulen) besser miteinander verknüpft werden können.

Eine der Projektmaßnahmen zielt auf die Verbesserung der Außengestaltung eines Industriegebietes im Landkreis Zwickau ab, was nun mit dem Martin-Hoop-Schacht IV a umgesetzt wurde.

InduCult2.0 ist so angelegt, dass es laufende Aktivitäten im Landkreis sowie in der Region Chemnitz bestmöglich ergänzt. Dafür arbeitet das Landratsamt eng mit den Industriekultur-Akteuren der Region zusammen. Partner sind dabei u. a. der Museumsverbund, die Tourismusregion Zwickau, die Hochschulen, die Industrie- und Handelskammer, die Wirtschaftsförderer des Landkreises und der Nachbarlandkreise sowie die Stadt Chemnitz. InduCult2.0 wird aus dem EFRE-Fonds gefördert im Rahmen des Kooperationsprogrammes CENTRAL EUROPE. Das Innenministerium des Freistaates Sachsen und das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur unterstützen das Projekt.

 

Die Künstlerauswahl

Unterstützt durch Thomas Dietze, dem organisatorischen Kopf des ibug-Festivals für urbane Kunst und Kultur, suchte der Landkreis Zwickau zusammen mit der MSB GmbH international nach geeigneten Kandidaten für die Gestaltung des Turms. Fünf von ihnen bekamen die Möglichkeit, ein Konzept einzureichen. Ihre Ideen wurden anschließend von dem Dresdner Streetart-Künstler und Kunstkritiker Jens Besser einer Jury vorgestellt.

 

Neben den formalen Anforderungen, wie der zu gestaltenden Fläche von etwa 30 mal 16 Metern waren auch zahlreiche inhaltliche Vorgaben gesetzt. So sollte das Kunstwerk u. a. die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Zwickauer Industriekultur als „Motor sächsischer Wirtschaft“ widerspiegeln, die Bewohner der Region ansprechen und auch der Bezug zum konkreten Standort sollte nicht fehlen. Anhand der gewählten Kriterien wurden die stark unterschiedlichen Konzepte intensiv diskutiert und ausgewertet. Ende Juni kam man zum Ergebnis. Obwohl auf der ganzen Welt gesucht wurde, fiel die Wahl letztendlich auf einen Sachsen - den Leipziger Künstler Christoph Steyer alias „Flamat“.

 

Der Gewinner

Mit dem Zuschlag begann Christoph Steyer Anfang September sein Konzept in die Realität umzusetzen. Der 38-jährige Leipziger ist unter dem Namen „Flamat“ als Illustrator und Gestalter aktiv. Seine Ursprünge liegen im Graffiti. Seit 2006 arbeitet er als freischaffender Künstler und hat in den letzten zwölf Jahren viel Erfahrung in der Arbeit sowohl an großen Hausfassaden als auch bei Illustrationsprojekten gesammelt. 2010 startete er gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Mittelstädt das kleinteiligere Projekt „Superfreunde“. 2014 wurde er für den Staatspreis für Kommunikationsdesign nominiert. Steyer: „Anfänglich ging es mir hauptsächlich darum, Figuren zu zeichnen. Später entwickelte ich dann komplexere Bildwelten, die derzeit in Plakaten für Kinder oder Familien enden. Allerdings ist das nur ein Teil meines Schaffens, wenn wohl auch der bekannteste. Meine Motivation bei der Gestaltung des Stadtraums ist bzw. war es schon immer, Leute zum Anhalten und Verweilen zu bewegen. Entweder, um mal ganz platt ein paar Sekunden aus dem Alltag gerissen zu sein und etwas nur schön oder witzig zu finden, oder aber auch, um eine Irritation zu erzeugen, was natürlich sehr schwer ist, gerade wenn man für Kunden arbeitet. Umso schöner war es, das Bild in Zwickau machen zu können. Das war zwar eine Auftragsarbeit mit Thema, aber dennoch eine freie Arbeit, in der ich kreativ agieren konnte.“

 

Die Umsetzung

Die Fassadengestaltung ist nun umgesetzt und zu bewundern. Dazu wurde ein speziell angebrachtes Hängegerüst benutzt. Mehr als 150 Liter Fassadenfarbe und 250 Sprühdosen waren für diese Fassadengestaltung benötigt worden

 

Die Kosten

Die Kosten für die Gestaltung der Südwest-Fassade belaufen sich auf insgesamt 60.000 EUR und werden gemeinschaftlich finanziert. Für das Kunstwerk werden europäische Fördermittel über InduCult2.0 bereitgestellt, der Kulturraum Vogtland-Zwickau fördert das Gerüst und die MSB Metall- und Stahlsystembau GmbH übernimmt die Kosten der Fassadenrenovierung.

 

Jetzt wird darüber nachgedacht, die Gestaltung auf weiteren Fassadenseiten fortzuführen.

 

Foto: Ralph Köhler

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